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Junge Welt rattenjagen ist Anspruchsvoll

Rattenjagen ist Anspruchsvoll

Junge Welt

»Rattenjagen ist anspruchsvoll«
Nicht jeder ist zur Schädlingsbekämpfung geeignet. Ein Gespräch mit Daniel Krämer
Interview: Ralf Wurzbacher

Daniel Krämer ist Inhaber und Geschäftsführer der MIB Schädlingsbekämpfung Berlin mit Standorten in den Bezirken Prenzlauer Berg und Weißensee
Was halten Sie als professioneller Kammerjäger vom Vorschlag des Berliner FDP-Poltikers Henner Schmidt, arme Menschen in Berlin auf Ratten loszulassen, um sich per »Fangprämie“ ein paar Euro dazuzuverdienen?
Zunächst einmal wird das ein ganz schön teurer Spaß. Um Schädlingsbekämpfer zu werden, muß man einen Lehrgang über sechs Wochen absolvieren, der rund 7500 Euro kostet. Und außerdem taugt nicht jeder, der Lust und Laune hat, zum Kammerjäger.

Warum nicht? Was muß man draufhaben in Ihrem Job?
Man muß gut rechnen können, man benötigt fundierte Kenntnisse in Biologie und Chemie. Man muß die Gesetzeslage genau kennen, die Gefahrenstoffverordnung und vieles mehr. Man braucht einen Schein zum Töten von Wirbeltieren. Man sollte außerdem der deutschen Sprache mächtig sein. Es ist nicht damit getan, Schädlinge und Ungeziefer zu vernichten. Man muß den Leuten auch erklären können, wie genau man dabei vorgeht und wie sie sich in Zukunft dagegen schützen können. Sie sehen: Es gehört eine ganze Menge zum Schädlingsbekämpfer. Nur mit einer kurzen Einweisung durch das Gesundheitsamt, wie es sich Herr Schmidt vorstellte, ist die Sache zum Scheitern verurteilt.

Herr Schmidt meinte offenbar, daß ein jeder die Lizenz zum Rattentöten hat. Was sagt der Tierschutz dazu?
Man darf Tiere nur mit einem triftigen Grund töten. Wenn Otto Normalverbraucher in seinem Keller eine Ratte entdeckt und in seiner Panik -zig Mal mit dem Spaten draufhaut, bis sie endlich tot ist, schert sich darum keiner. Ein professioneller Schädlingsbekämpfer käme da aber in Erklärungsnöte. Wenn ich eine Ratte beseitige und ihr dabei Schmerzen zufüge, dann ist das keine fachgerechte Arbeit mehr.

Es gibt also auch so eine Art Ethikcode bei der Rattenjagd?
Man muß die Tiere, mit denen man es zu tun hat, respektieren. Ich kenne keinen Schädlingsbekämpfer, der nicht tierlieb ist. Wenn man kein Interesse an Tieren hat, ist man als Kammerjäger jedenfalls fehl am Platz. Es gibt allein 400 verschiedene Arten von Speckkäfern. Wer die nicht exakt bestimmen kann, kann sie auch nicht erfolgreich bekämpfen. Dasselbe gilt auch für Ratten. Es gibt drei Giftgenerationen, es gibt Schlagfallen unterschiedlichster Kategorien. Ich selbst verwende ungefähr 25 Rattenbekämpfungsmittel, die alle ihre Vor- und Nachteile haben, von der Attraktivität bis hin zur Giftigkeit. Es braucht unheimlich viel Sachkenntnis und Erfahrung, diese Mittel richtig einzusetzen.

Ginge es nach Henner Schmidt, dann sollen Hunderte Menschen auf dem Alexanderplatz die Ratten per Treibjagd einkreisen, sie mit lautem Gebrüll aus ihren Verstecken scheuchen und dann plattmachen.
Wenn ich eine Ratte anbrülle, heißt das noch lange nicht, daß die sich überhaupt bewegt. Im Gegenteil: Ratten versuchen so lange wie irgend möglich, unerkannt zu bleiben. Und wenn Sie mit einem Preßlufthammer auf die Jagd gehen, werden sich die Ratten nicht aus ihren Löchern bewegen. Ratten rühren sich meistens erst dann, wenn sie berührt werden.

Aber mal angenommen, eine Ratte zeigt sich doch einmal in aller Öffentlichkeit. Wie stehen die Chancen, den Nager dann auch zu fangen oder zu erschlagen?
Ratten sind verdammt schnell und wendig. Selbst in einem kleinen Raum haben Sie gewaltige Probleme, das Tier zu fangen oder auch nur mit einem Spaten zu treffen. Auf freier Fläche ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Sie könnten die Tiere allenfalls erschießen, das ist in der Öffentlichkeit aber verboten.

Kann man sagen, Herr Schmidt hat seine Rechnung ohne die Ratten gemacht?
Ich bin jetzt seit über 20 Jahren in der Branche und habe es noch nie geschafft, eine Ratte auf offener Straße oder öffentlichen Plätzen zu fassen zu kriegen. Außerdem ist das Problem gar nicht so groß, wie jetzt getan wird. Seit auf dem Alexanderplatzplatz schrittweise diese großen, innen hohlen Blumenrabatten abgebaut wurden, ist die Population deutlich zurückgegangen. Früher hausten darin die Ratten in rauhen Mengen und ernährten sich von Imbißresten.

Angeblich soll doch gerade Berlin-Mitte heute noch der Rattentreffpunkt Nummer eins sein. Von bis zu vier Millionen Exemplaren ist die Rede.
Das ist so ein typisches Thema, das sonst immer nur im Sommerloch breitgetreten wird. Das ist Quatsch, und ich muß es ja wissen. Ich arbeite unter anderem bei den Berliner Wasserbetrieben und habe die gesamte Kanalisation unter dem Alexanderplatz mit Rattengift ausgelegt. Es gibt nicht mehr Ratten als vor 30, 40 Jahren.

Fühlen Sie sich in Ihrem Berufsethos verletzt, wenn ein Politiker daherkommt und weismachen will, daß jeder x-Beliebige das Zeug zum Rattenfänger hat?
Ich hatte vor kurzem ein Treffen mit anderen Berliner Schädlingsbekämpfern, bei dem auch dieses Thema zur Sprache kam. Wir haben herzlich darüber gelacht. Wer mal ein Brot gebacken hat, weiß vielleicht, wie man eine Schrippe backt. Aber wer einmal eine Taube erlegt hat, weiß noch lange nicht, wie er mit einer Ratte, einer Wanze oder Grille umgehen muß.

Sie bangen also auch nicht um Ihren Berufsstand?
Ich wäre sogar froh darum, wenn der Vorschlag umgesetzt würde. Dann wäre es für Otto Normalverbraucher viel leichter, herauszufinden, wie anspruchsvoll unser Job ist, wer Ahnung hat davon und wer ein Pfuscher ist.

Sie würden resümierend aber doch festhalten wollen, daß Henner Schmidts Vorstoß nicht ganz durchdacht war?
Der Vorschlag ist totaler Humbug. Ich will die Leute mal sehen, wie sie auf dem Alexanderplatz den Ratten hinterherjagen. Bei einem Euro pro Ratte wird nicht ein einziger auch nur einen Cent verdienen.



MIB, Schädlingsbekämpfung, Kammerjäger, Bettwanzen